Differentieller Umgang mit Mehrsprachigkeit

Ute Ritterfeld, Carina Lüke und Anna-Lena Dürkoop (Dortmund) p.45-67

2014 Issue 1

Abstract

Mittlerweile ist es ebenso unstrittig, dass es Kindern im Prinzip möglich ist, mehrere Sprachen gleichzeitig zu erwerben wie die Beobachtung, dass es dennoch Kinder gibt, die einen besonderen Förderbedarf haben, weil entweder das Sprachangebot unzureichend ist oder sie besondere Schwierigkeiten haben, Sprache zu verarbeiten. Noch keine Beachtung fand hingegen der differentielle Umgang mit dem mehrsprachigen Angebot obgleich Kinder und Jugendliche dieses als Chance oder auch als Problem wahrnehmen könnten. Es wird vermutet, dass sich zwei Prototypen unterscheiden lassen, die sich durch eine – sprachkompetenzunabhängige – Präferenz von Einsprachigkeit (monolingualer Typus) bzw. Mehrsprachigkeit (multilingualer Typus) auszeichnen. Anhand einer Befragung von 710 mehrsprachig aufwachsenden Schülern/innen der Sekundarstufe I konnte diese Vermutung bestätigt werden: Es lassen sich durch eine Clusteranalyse vier Typen unterscheiden, die in einem Vierfeldschema mit den beiden orthogonalen Dimensionen Umgang mit Mehrsprachigkeit (mono- vs. multilingual) sowie subjektiv erlebte Sprach- und Kommunikationsbarrieren (niedrig vs. hoch) darstellbar sind. Die Zugehörigkeit zu diesen Typen wirft Fragen zur differentiellen Förderstrategie auf, die vorab eine diagnostische Zuordnung erforderlich machen. Auf der Grundlage der empirischen Daten wird deshalb ein einfach zu handhabendes Screening vorgeschlagen, das eine valide Identifikation des differentiellen Typus erlaubt.