Eine transkulturelle Liebesgeschichte im postkolonialen Estland zwischen Zarenreich und Stalinismus

Rolf Füllmann (Köln) p132-145

2018 Issue 3

Dossier zum Thema: Literarische und filmische Alteritätsdarstellungen und ihre didaktische Aufbereitung für den DaF Unterricht

Abstract

,Jaschka und Janne (1965) von Siegfried von Vegesack (1888-1974) ist eine historisch paradigmatische wie prototypische Erzählung über eine (balten-)deutsch-estnische transkulturelle Liebe im multiethnischen Raum Ostmitteleuropas, die sich etwa von 1907 bis 1941 erstreckt. Die deutschbaltische Titelfigur der Erzählung, der adlige Student Jaschka an der Universität Tartu/Dorpat, verbindet sich mit der der Näherin und Estin Janne in einer von der Erzählinstanz evozierten postkolonialen wie skandalträchtigen Romeo-und-Julia-Konstellation. Im Laufe der Geschichte kehren sich die gender-relevanten Machtverhältnisse in dieser Paarbeziehung um: In der Zwischenkriegszeit ernährt die estnische Frau, mittlerweile zur Direktrice eines Modesalons avanciert, ihren durch die Bodenreform der jungen estnischen Republik enteigneten deutschen Gatten. Die Mesalliance zweier Liebender zwischen den Schichten und Ethnien des alten Livland behauptet sich gegen alle Widerstände und politischen Systemwechsel bis zum Verschwinden der Protagonisten in der totalitären Auslöschung während der ersten sowjetischen Okkupation 1940. Es ergibt sich die Frage, ob der insbesondere von estnischen Kolleginnen geschätzte Text im Kontext einer transkulturellen Literatur-wissenschaft und -didaktik unterrichtsrelevant ist.