Ruth Huber (Lissabon) p.52-72
2004 Issue 1
Abstract
In diesem Artikel gehe ich der Frage nach, wie das psychisch vielfältig angelegte Rollenpotenzial jedes und jeder Einzelnen in der Theaterpädagogik entwickelt, fremdsprachlich verfügbar und von den Schauspielern im gemeinsam ausgearbeiteten Stück theaterwirksam ausgespielt werden kann. Dabei setze ich meine Erfahrungen mit Studierenden der Germanistik an der Faculdade de Letras de Lisboa (Portugal) in Bezug zu den mehrdimensionalen Modellen des Selbst, wie sie in der Selbstkonzeptforschung zur Anwendung gelangen. Für unsere Belange scheinen mir insbesondere die Bereiche der possible selves interessant, da sie energetisch hoch besetzt und theaterpädagogisch am produktivsten sind. Ich möchte zeigen, wie diese nicht ausgeschriebenen, nicht sozialisierten Rollenpersonen der inneren Bühne im Laufe eines individuellen und sozialen Konstruktionsprozesses von Identität und identitärer Fiktion gruppendynamisch vereinnahmt und dabei zum Teil umgemodelt werden, um dann im Stück regelrecht zur Welt zu kommen. Im Prozess der Aneignung des “étranger en nous”(Julia Kristéva) erscheint die Fremdsprache als eigentlich angemessenes Idiom, bringt sie doch das dem Alltags-Ich Fremde zur Sprache, ohne es seiner “étrangeté”, seiner Fremdheit und Seltsamkeit zu entkleiden.