Markus Rude (Nagoya) p79-94
2017 Issue 2
Sondernummer zum Thema: Phonetik
Gastherausgeber: Klaus Geyer (Dänemark)
Abstract
Gängige Schriftsysteme wurden von Native Speakers (NS) für Native Speakers entwickelt, nicht für Sprachlernende. Prosodie ist darin nicht kodiert. Diese Forschung stellt daher die Eignung gängiger Schriftsysteme für Sprachlernende (Non-native Speaker, NNS) generell in Frage. In vielen Lernsituationen bräuchten sie Schriftsysteme, in denen auch Prosodie kodifiziert ist. In diesem Beitrag wird ein solches System vorgeschlagen – die Prosodische Schrift (Prosodic Writing / PW) – bei der Satzakzente, Intonation und Sprachrhythmus durch bauchige Formen, Wellenformen und visuelle Rhythmen sichtbar werden. Die Hypothesen lauten unter anderem, dass ein solches ikonisches prosodie-kodierendes Schriftsystem intuitiv ansprechender und auch wirkungsvoller ist als eine Schrift mit symbolischen Prosodiemarkern. Ein Experiment konnte zwei der Hypothesen für einen Universitätskurs belegen: Die Wirkung von Prosodischer Schrift zeigte sich in einer signifikant höheren relativen Sprechgeschwindigkeit (72 % vs. 52 % eines NS) im Vergleich zur Symbolschrift. Das Replikationsexperiment in sechs weiteren Kursen gelang jedoch nicht: Auch hier war die Sprechgeschwindigkeit bei PW im Mittel zwar höher, aber nur um wenige Prozentpunkte. Dennoch könnte Prosodische Schrift – oder allgemeiner: eine dreidimensionale Schrift – einen nützlichen Beitrag zur Prosodielehre bzw. zum Fremdspracherwerb insgesamt leisten.